Interview mit Johannes Thier Nachtwächter in Bad Bentheim

Johannes Thier ist Zunftmeister der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft, lebt in Bad Bentheim und dreht abwechselnd mit neun Kollegen seine Runden in der Burgstadt. Die Antwort des 63-jährigen auf die Frage „Wer stellt denn das Nachtwächterkostüm“ macht ganz deutlich klar – sie verkleiden sich nicht, sie arbeiten.

Herr Thier, Sie sind das Oberhaupt der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft. Wie viele Länder gehören zur Zunft? Es sind zehn Länder, die dazu gehören. Dänemark, Schweden, England, Niederlande, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien, Polen und Deutschland. Insgesamt sind es 63 Orte mit rund 157 Nachtwächtern und Türmern. Seit 2004 habe ich das Amt inne. Ich kenne alle Kollegen und Orte.

Warum gibt es heute noch Nachtwächter? Wir sagen, es ist ein Amt mit Tradition. Wir halten die Glut am Glühen. Es gab damals in jedem Ort einen Nachtwächter. Dann wurden sie von der Schutzpolizei abgelöst. In den 50er Jahren kam die Idee auf, dieses Amt wiederzubeleben. Nach dem Krieg wollte man wieder Touristen in die Orte bekommen. 1994 schossen die Nachtwächter wie Pilze aus dem Boden. Die Europäische Nachtwächterund Türmerzunft gibt es seit 1987.

Wie wurde man früher Nachtwächter in einem Ort? Obwohl der Nachtwächter damals ein höchst wichtiger Mann für den Ort war, gab es niemanden, der freiwillig diesen Posten übernehmen wollte.

Nachts im Dunkeln alleine durch die Gassen laufen? Weil sich keiner freiwillig bewarb, legten die Magistrate der Stadt fest, wer den Job übernehmen sollte. Es traf immer die Ärmsten der Armen. Meistens ungebildete und kinderreiche Männer. Wer ausgewählt wurde, konnte sich nicht dagegen wehren. Es war seine Pflicht.

Warum war der Nachtwächter denn damals so wichtig? Die Nachtwächter haben für den sorglosen Schlaf der Bevölkerung gesorgt. Zum einen hatten Sie ein Auge darauf, dass alle Tore und Türen verschlossen waren. Zum anderen haben Sie Gauner abgeschreckt. Wenn ein Feuer ausbrach, haben sie Alarm geschlagen. Damals gab es ja noch kein elektrisches Licht. Petroleumlampen haben die Häuser und Höfe erleuchtet. Die Lampen waren eine gefährliche Feuerquelle. Ab einer gewissen Uhrzeit durfte kein Licht mehr brennen um die Gefahr eines Brandes abzuwenden. Vom letzten Nachtwächter in Bad Bentheim gibt es Erzählungen, dass er am Tag nach seines Dienstes zu den Höfen ging, bei denen das Licht zu lange brannte. Diese ermahnte er mit den Worten „Ich warschaue Ihnen“ – das kommt aus dem Niederländischen „Ich warne Sie…“.

Wer war denn der letzte Nachtwächter in Bad Bentheim? Das war bis 1926 Gerhard Bergmann. Danach gab es die Schutzpolizei. Dort hat Gerhard Bergmann bis zuletzt gearbeitet. Ich konnte seine Tochter Hermine Bonke ausfi ndig machen. Sie lebte nicht mehr in Bad Bentheim. Es gibt keinen Menschen, der mir so sehr im Gedächtnis bleiben wird wie diese Frau.

Zum Zeitpunkt meines Besuchs war sie schon 100 Jahre (deshalb bin ich auch direkt hingefahren). Ein lebendiges Geschichtsbuch, so klar bei Verstand. Sie kannte noch jeden aus Bad Bentheim und wollte alles wissen. Als ich ging, versprach sie mir, noch nach alten Fotos von ihrem Vater zu schauen. Leider verstarb sie und es wurde nichts mehr daraus. Aber mit ihr zu sprechen, war für mich ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis.

Gibt es eine Ausbildung zum Nachtwächter in Bad Bentheim? Nein, es gibt keine richtige Ausbildung. Wer sich dafür interessiert, Nachtwächter in Bad Bentheim zu werden, der kann sich bei der Touristeninformation melden. Wenn Bedarf ist und wir vier bis fünf Personen zusammen haben, dann schule ich sie ein paar Stunden. Sie lernen dann zum Beispiel, dass man vor dem Gesang „Hört ihr Leut und lasst euch sagen…“ dreimal ins Horn bläst. Wir sind keine Stadtführer, sondern leben Tradition.

Ich sage immer 30 % sind touristischer Ansatz und 70 % sind Tradition. Wir erzählen darüber, was die Menschen sehen können, während des Nachtwächterrundgangs. Dazu gehört natürlich die Geschichte des Teufelsohrs an der Burg. Oder dass die Stiegen damals als Jauchegrube benutzt wurden und die Bewohner bei Starkregen ihre Plumsklos aus den Fenstern geleert haben. Dazu singe ich immer ein Lied (Johannes Thier singt mir das Lied vor, das er während der Führung zum Besten gibt.).

Und wer stellt den Nachwächtern die Verkleidung? Das ist doch keine Verkleidung. Das ist Dienstkleidung. Wir spielen das nicht, wir leben die Tradition der Nachtwächter weiter. Zum Nachtwächtermantel gehört noch ein Hut, ein Horn, eine Laterne und der Spieß – der wird bei uns Saufeder genannt. Damit wurden früher Wildschweine gejagt. Das gehört alles der Stadt Bad Bentheim. Nur die Laterne, die gehört mir. Ich habe mir eine eigene anfertigen lassen. Wenn ich mich irgendwann als Nachtwächter zur Ruhe setze, dann bleibt die Laterne als Erinnerung an diese Zeit bei mir.

Herr Thier, es ist eine Freude Ihnen zuzuhören. Danke für Ihre Zeit. Wer Johannes Thier oder einen seiner neun Kollegen bei einem Nachtwächterrundgang begleiten will, der kommt zum unteren Burgtor. Dort nehmen Sie die Nachtwächter mit auf ihre Tour durch die dunklen Stiegen.

An folgenden Tagen fi nden Nachtwächter-Rundgänge statt: Montag, Freitag und Samstag – ganzjährig Mittwoch – von März bis Dezember Start: 21 Uhr am unteren Burgtor