Der Nachtwächter
Der Nachtwächter
Der Nachtwächter

Der Nachtwächter

Durch Stiegen und Gassen bei Nacht

Hört Ihr Leut‘ und lasst euch sagen…

Wenn der Nachtwächter am Abend ruft, dann hat die Uhr schon neun geschlagen und der Nachtwächter beginnt seinen abendlichen Rundgang durch die Stadt. Der Nachtwächter kennt die verborgenen Winkel und die tollsten Geschichten. Bestimmt weiß er auch auf jede Frage eine Antwort. Er hat beispielsweise ein Auge auf Gauner, die zu später Stunde aus den Spelunken abziehen. Er ist stets darauf bedacht, dass die Bürger der Stadt nachts ruhig schlafen können. Dabei kontrolliert er, ob Haustüren und Stadttore ordnungsgemäß verschlossen sind.

Der Nachtwächterrundgang ist ein echtes Highlight für Bad Bentheim-Urlauber und ein beliebtes dazu. Nachtwächter gibt es, seitdem die ersten, größeren Städte des Mittelalters existieren, doch inzwischen ist dieser Beruf längst ausgestorben. In Bad Bentheim wird die Tradition des Nachtwächters noch lebendig gehalten und Sie können mit ihm auf Tour gehen.

Der Nachtwächterrundgang findet ganzjährlich immer montags, freitags und samstags und von März bis Oktober zusätzlich mittwochs jeweils um 21 Uhr statt.

Interview mit Johannes Thier – Nachtwächter in Bad Bentheim

Johannes Thier ist Zunftmeister der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft lebt in Bad Bentheim und dreht abwechselnd mit neun Kollegen seine Runden in der Burgstadt. Die Antwort des 63-jährigen auf die Frage „Wer stellt denn das Nachtwächterkostüm“ macht ganz deutlich klar – sie verkleiden sich nicht, sie arbeiten.

Herr Thier, Sie sind das Oberhaupt der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft. Wie viele Länder gehören zur Zunft?

Es sind zehn Länder, die dazu gehören. Dänemark, Schweden, England, Niederlande, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien, Polen und Deutschland. Insgesamt sind es 63 Orte mit rund 157 Nachtwächtern und Türmern. Seit 2004 habe ich das Amt inne. Ich kenne alle Kollegen und Orte.

Warum gibt es heute noch Nachtwächter?

Wir sagen, es ist ein Amt mit Tradition. Wir halten die Glut am Glühen. Es gab damals in jedem Ort einen Nachtwächter. Dann wurden sie von der Schutzpolizei abgelöst. In den 50er Jahren kam die Idee auf, dieses Amt wiederzubeleben. Nach dem Krieg wollte man wieder Touristen in die Orte bekommen. 1994 schossen die Nachtwächter wie Pilze aus dem Boden. Die Europäische Nachtwächter- und Türmerzunft gibt es seit 1987.

Wie wurde man früher Nachtwächter in einem Ort?

Obwohl der Nachtwächter damals ein höchst wichtiger Mann für den Ort war, gab es niemanden, der freiwillig diesen Posten übernehmen wollte. Nachts im Dunkeln alleine durch die Gassen laufen? Weil sich keiner freiwillig bewarb, legten die Magistrate der Stadt fest, wer den Job übernehmen sollte. Es traf immer die Ärmsten der Armen. Meistens ungebildete und kinderreiche Männer. Wer ausgewählt wurde, konnte sich nicht dagegen wehren. Es war seine Pflicht.

Warum war der Nachtwächter denn damals so wichtig?

Die Nachtwächter haben für den sorglosen Schlaf der Bevölkerung gesorgt. Zum einen hatten Sie ein Auge darauf, dass alle Tore und Türen verschlossen waren. Zum anderen haben Sie Gauner abgeschreckt. Wenn ein Feuer ausbrach, haben sie Alarm geschlagen. Damals gab es ja noch kein elektrisches Licht. Petroleumlampen haben die Häuser und Höfe erleuchtet. Die Lampen waren eine gefährliche Feuerquelle. Ab einer gewissen Uhrzeit durfte kein Licht mehr brennen um die Gefahr eines Brandes abzuwenden. Vom letzten Nachtwächter in Bad Bentheim gibt es Erzählungen, dass er am Tag nach seinem Dienst zu den Höfen ging, bei denen das Licht zu lange brannte. Diese ermahnte er mit den Worten „Ich warschaue Ihnen“ – das kommt aus dem Niederländischen „Ich warne Sie…“.

Wer war denn der letzte Nachtwächter in Bad Bentheim?

Das war bis 1926 Gerhard Bergmann. Danach gab es die Schutzpolizei. Dort hat Gerhard Bergmann bis zuletzt gearbeitet.

Gibt es eine Ausbildung zum Nachtwächter in Bad Bentheim?

Nein, es gibt keine richtige Ausbildung. Wer sich dafür interessiert, Nachtwächter in Bad Bentheim zu werden, der kann sich bei der Touristeninformation melden. Wenn Bedarf ist und wir vier bis fünf Personen zusammen haben, dann schule ich sie ein paar Stunden. Sie lernen dann zum Beispiel, dass man vor dem Gesang „Hört ihr Leut und lasst euch sagen…“ dreimal ins Horn bläst.

Und wer stellt den Nachwächtern die Verkleidung?

Das ist doch keine Verkleidung. Das ist Dienstkleidung. Wir spielen das nicht, wir leben die Tradition der Nachtwächter weiter. Zum Nachtwächtermantel gehört noch ein Hut, ein Horn, eine Laterne und der Spieß – der wird bei uns Saufeder genannt. Damit wurden früher Wildschweine gejagt. Das gehört alles der Stadt Bad Bentheim. Nur die Laterne, die gehört mir. Ich habe mir eine eigene anfertigen lassen. Wenn ich mich irgendwann als Nachtwächter zur Ruhe setze, dann bleibt die Laterne als Erinnerung an diese Zeit bei mir.

Herr Thier, es ist eine Freude Ihnen zuzuhören. Danke für Ihre Zeit.

Wer Johannes Thier oder einen seiner neun Kollegen bei einem Nachtwächterrundgang begleiten will, der kommt zum unteren Burgtor. Dort nehmen Sie die Nachtwächter mit auf ihre Tour durch die dunklen Stiegen.

An folgenden Tagen finden Nachtwächter-Rundgänge statt:
Montag, Freitag und Samstag: ganzjährig | Mittwoch: von März bis Dezember
Start: 21.00 Uhr am unteren Burgtor